Im Rahmen des Symposiums eröffnete Christa Liedtke die wissenschaftliche Rahmung der Veranstaltung. Als Abteilungsleiterin am Wuppertal Institut (WI) und apl. Professorin für Nachhaltigkeit im Design an der Bergische Universität Wuppertal verkörpert sie die Verbindung von Naturwissenschaft, Design und gesellschaftlicher Entwicklung im Kontext von Transformation und Zukunftsfähigkeit.
Ihr Vortrag, der auf ihrem mit einem Wissenschaftler*innenteam verfassten gleichnamigen Buch „Wohlstand in Zeiten des Übergangs“ basierte, bot eine fundierte Einordnung aktueller Umbrüche und stellte die zentrale Frage, wie Wohlstand unter Bedingungen tiefgreifender ökologischer, sozialer und ökonomischer Veränderungen neu gedacht und gestaltet werden kann.
Christa Liedtke bezeichnet sich selbst als „Stoffströmlerin“ – ein Begriff, der ihre biologisch und materialbasiert geprägte Perspektive auf Nachhaltigkeit treffend beschreibt. Wie in natürlichen Systemen gehe es auch in der Gesellschaft darum, Stoffe, Energie und strukturbildende Informationen so zu lenken, dass sie dort wirksam werden, wo sie Nutzen stiften und zur Schonung von Ökosystemen beitragen.
Nachhaltigkeit erscheint damit weniger als moralisches Ideal denn als eine gestaltbare logistische Herausforderung. Diese Sichtweise entlastet den Nachhaltigkeitsdiskurs von einem Teil seiner moralischen Überforderung und macht Transformation als konkrete, gestaltbare Aufgabe begreifbar.
Zentral in Christa Liedtkes Argumentation ist die Agora als Sinnbild demokratischer Aushandlung. Wohlstand entsteht, so Liedtke, nicht allein durch materiellen Zuwachs, sondern dort, wo Menschen miteinander interagieren und gemeinsam gestalten – wo sich soziale Beziehungen und die Menschen selbst im und durch Gestalten entfalten können. Die Agora steht für demokratischen Diskurs, für Maß und Mitte sowie für Verfahren, die Ausschlüsse von Menschen vermeiden und Vielfalt – soziale, kulturelle wie biologische – als Ressource begreifen. Gerade angesichts wachsender gesellschaftlicher Spannungen ist sie unverzichtbar, um Konflikte als integralen Bestandteil demokratischer Prozesse und sozialer Beziehungen konstruktiv auszutragen, Vielfalt als Grundlage von Innovation und Kreativität zu verstehen und in gemeinsam getragene Entwicklungen zu überführen.
Ein wesentlicher Schwerpunkt des Vortrags von Christa Liedtke lag auf der Analyse von Meritokratie und sozialer Ungleichheit. Die leistungsbasierte Ordnung moderner Gesellschaften verspreche zunächst zwar sozialen Aufstieg, gehe jedoch häufig mit der Abwertung vermeintlich Schwächerer und einem Rückgang solidarischer Praktiken einher. In ihrer Ausschließlichkeit trage sie zur gesellschaftlichen Spaltung bei und erschwere so einen offenen Zugang zu erstrebten sozialen Positionen – sie reproduziert und verstärkt damit strukturelle Chancenungleichheiten.
Besonders prägend sei zudem der Wandel vom demonstrativen hin zu einem, wie Elisabeth Currid-Halkett es bezeichnet, „unauffälligen Geltungskonsum“: Bildung, Gesundheit, Zeitwohlstand und Investitionen fungieren als neue Statusmarker, die soziale Differenzen vertiefen und zugleich den Ressourcenverbrauch weiter antreiben.
Zentral für das Transformationsverständnis von Christa Liedtke ist der Perspektivwechsel von der Mikro- zur Makroebene und zurück. Ausgangspunkt sind individuelle Haltungen, Handlungen und soziale Praktiken, die jedoch stets in soziale und kulturelle Kontexte eingebettet sind. Durch sie gestalten Menschen Beziehungen und nehmen an gesellschaftlichen Prozessen teil, wie Martina Fineder es als zwischenmenschliches Design beschreibt. Damit wird deutlich, dass aus diesen Praktiken nicht nur Produkte und Dienstleistungen hervorgehen, sondern auch die Strukturen, die gesellschaftliches Zusammenleben prägen. Produkte, Dienstleistungen und Infrastrukturen sind damit nicht neutral: Sie strukturieren Handlungsmöglichkeiten, eröffnen oder begrenzen Teilhabe und tragen dazu bei, demokratische Räume zu ermöglichen oder bestimmte Gruppen systematisch zu bevorteilen bzw. auszuschließen.
Transformation bedeutet vor diesem Hintergrund, Gestaltung auf allen Ebenen mitzudenken: von Mikrohandlungen bis hin zu den materiellen und institutionellen Arrangements, die soziale Ordnung stabilisieren oder verändern.
Vor diesem Hintergrund plädierte Liedtke für eine Sorgewirtschaft als zukunftsfähiges ökonomisches Modell. Design komme dabei eine Schlüsselrolle zu: Es könne mit Bezug auf von Borries „Welt entwerfen“ unterwerfend wirken und bestehende Machtverhältnisse stabilisieren oder ermächtigend sein und neue Handlungsspielräume eröffnen. Ihr Appell fasste den Anspruch des Symposiums prägnant zusammen:
„Es ist also alles gestaltbar. Es hängt von uns ab. Wollen wir uns unterwerfen oder als zoon politicon, als politisches Wesen, entwerfen?“
Im ersten Impulsvortrag führt Professorin Dr. Daniela Jacob, Direktorin des Climate Service Center Germany (GERICS), Vorsitzende des Klimabeirats der Freien und Hansestadt Hamburg sowie des Deutschen Komitees für Nachhaltigkeitsforschung in Future Earth (DKN) und Mitglied der Earth League in das Thema Klimawandel und seine Folgen ein. Ihr Vortrag beim Symposium verbindet naturwissenschaftliche Grundlagen mit einer klaren gesellschaftlichen Handlungsaufforderung. Ziel ist es, Entscheidungsträgerinnen und -träger durch belastbare Daten, Szenarien und Klima-Services in die Lage zu versetzen, Transformation evidenzbasiert zu gestalten.
„Wir leben über unsere Verhältnisse hinaus.“
Ausgangspunkt ist die Diagnose struktureller Übernutzung. Ob CO₂-Konzentration, Methan, Ozeanversauerung oder Ressourcenverbrauch zentrale Indikatoren zeigen seit Beginn der Industrialisierung einen deutlichen Aufwärtstrend. Nahezu alle diese Entwicklungen sind unmittelbar mit Energieerzeugung und -verbrauch verknüpft, die weiterhin überwiegend auf fossilen Quellen beruhen.
Im Zentrum ihres Vortrags steht jedoch die Frage menschlicher Verwundbarkeit und der Verdrängung des Menschen aus seiner engen Temperatur-Nische. Daniela Jacob betont aber auch, dass die Erde als System langfristig bestehen werde, unabhängig vom Schicksal der Menschheit. Dennoch:
„Wir brauchen ein Miteinander – nicht nur innerhalb unserer Spezies, sondern auch ein Miteinander mit der Erde.“
Diese Temperatur-Nische definiert den Bereich, in dem menschliche Zivilisation entstanden ist und in dem sie funktionieren kann. Eine anhaltende Erwärmung verschiebt diese Rahmenbedingungen fundamental. Bereits heute werden Bevölkerungsgruppen durch Hitze, Dürren und Extremereignisse aus angestammten Lebensräumen verdrängt. Klimawandel ist damit keine abstrakte Umweltfrage, sondern eine existenzielle Bedingung menschlicher Lebensfähigkeit.
Anhand der im IPCC abgestimmten Szenarien verdeutlicht Daniela Jacob die Spannbreite möglicher Zukünfte: Setzen sich gegenwärtige Emissionstrends fort, intensiviert sich die Erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts erheblich; ambitionierter Klimaschutz begrenzt diese Dynamik deutlich. Klima-Services übersetzen diese globalen Projektionen in regionale Informationen: Wie stark steigen die Temperaturen im konkreten Quartier? Welche Anpassungsmaßnahmen, ob Entsiegelung, Begrünung, wassersensible Stadtplanung reduzieren Risiken?
Quelle: https://www.ipcc.ch/report/ar6/syr/figures/
Die Abbildung des IPCC zeigt sehr eindrücklich, wie stark künftige Generationen, also unsere Kinder und Kindeskinder, vom Klimawandel und den sich ändernden Temperaturen betroffen sein werden. Während wir noch in einer Phase relativer Stabilität leben durften, werden künftige Generationen in einer sich sehr viel stärker verändernden und vor allem heißeren Umwelt leben müssen.
Ihr Fazit ist eindeutig: Kommunikation allein genügt nicht. Wissenschaftliches Wissen muss in konkrete Implementierung übergehen. Transformation bedeutet, bestehende Strukturen unter veränderten klimatischen Bedingungen neu zu entwerfen und das verantwortungsvoll, informiert und handlungsorientiert.
Prof. Dr. Zita Sebesvári, stellvertretende Direktorin des Institut für Umwelt und menschliche Sicherheit, lenkte in ihrem Impulsvortrag den Blick auf die grundlegenden Denkmuster, die unser Verhältnis zur Natur prägen. Weniger Katastrophen stehen im Zentrum ihres Vortrags als vielmehr die kulturellen und normativen Voraussetzungen, die Umweltzerstörung begünstigen.
Ausgangspunkt ist die verbreitete Selbstverortung des Menschen an der Spitze einer Hierarchie des Lebens. Diese Denkfigur legitimiert Nutzung, Kontrolle und Abgrenzung. Nationalparks erscheinen dabei als ambivalentes Symbol. Sie schützen Natur, bestätigen jedoch zugleich die Trennung zwischen menschlichem Raum und geschützter Umwelt. In einem System, das den Menschen als Teil ökologischer Zusammenhänge begreift, wären solche separaten Schutzräume in dieser Form nicht notwendig.
Besonders anschaulich beschreibt Zita Sebesvári die Logik der Abgrenzung anhand von Zäunen, Straßen und Gleisanlagen. Sie sichern Eigentum und Infrastruktur, fragmentieren jedoch Lebensräume und schränken die Migration von Tieren ein. Was gesellschaftlich als selbstverständlich gilt, erzeugt ökologische Folgekosten.
Dem stellt sie eine Zielverschiebung gegenüber: weg von Beherrschung, hin zu Koexistenz. Hochwasserschutz könne bedeuten, Flüssen Raum zu lassen, statt sie ausschließlich technisch zu regulieren. Dafür brauche es einen Wertewandel, mehr Demut, Genügsamkeit und ein verantwortliches „Care“ gegenüber nicht-menschlichem Leben.
„Genügsamkeit nicht als Verzicht zu empfinden, sondern als Haltung, als Wert.“
Strukturelle Veränderungen wie die Anerkennung von Rechten der Natur, etwa in Ecuador oder Neuseeland, verdeutlichen mögliche Wege. Transformation, so ihr Fazit, erfordert innere Haltungsänderungen ebenso wie institutionelle Reformen und die Bereitschaft, neu zu definieren, was wir als wertvoll erachten.
Nicole Zabel-Wasmuth und Lars Jessen, Gründer der Initiative Planet Narratives, zeigten in ihrem Impulsvortrag, wie Film und Kultur zu Motoren gesellschaftlicher Transformation werden können. Ihr Ausgangspunkt ist die Diagnose der zentralen Lücke zwischen wissenschaftlichem Wissen über die Klimakrise und tatsächlichem Handeln, denn diese beinhaltet ein emotionales Defizit. Fakten allein reichen nicht aus, um Verhalten zu verändern.
In Zusammenarbeit mit Forschenden, unter anderem mit Stefan Rahmstorf, analysiert Planet Narratives psychologische Hürden wie kognitive Dissonanz, Krisenmüdigkeit und pluralistische Ignoranz. Viele Menschen wären grundsätzlich zu Veränderungen bereit, glauben jedoch, „die anderen“ wollten nicht mitziehen. Diese Fehleinschätzung verstärkt gesellschaftliche Lähmung. Hinzu kommt die Wirkung destruktiver Narrative, die Unsicherheit instrumentalisieren und suggerieren, alles könne beim Alten bleiben.
Dem setzen beide die Kraft des Erzählens entgegen. Der Mensch sei nicht nur Homo sapiens, sondern „Homo narrans“, also ein erzählendes Wesen. Geschichten aktivieren Emotionen, schaffen Empathie und verankern Fakten nachhaltiger als Diagramme. Transformation erfordert daher neue Narrative, die Zukunft nicht als Verlust, sondern als gestaltbaren Raum zeigen.
„Wir können in Filmen kollektive Selbstwirksamkeit zeigen. Wir können zeigen, dass es nicht nur der eine Held ist mit der Maschine, der uns alle rettet, sondern dass es auch eine gemeinsame Kraft sein kann“
Filme und Serien könnten kollektive Selbstwirksamkeit sichtbar machen, statt nur dystopische Untergangsszenarien zu reproduzieren. Jessen plädiert für einen „informierten Optimismus“, bei dem Realismus im Angesicht harter Fakten mit Zuversicht gepaart wird. Humor spielt dabei eine zentrale Rolle, weil er Reaktanz abbaut und Dialog ermöglicht.
Ihr filmisches Beispiel „Micha denkt groß“ verbindet Klimakrise, gesellschaftliche Spannungen und Provinzrealität in einer Komödie – bewusst jenseits moralischer Belehrung. Kino wird so zum demokratischen Erfahrungsraum.
„Eine gesunde Gesellschaft ist die, in der ein 80-Jähriger noch einen Apfelbaum pflanzt, unter dessen Schatten er nie sitzen wird.“
Geschichten können diese Haltung denk- und fühlbar machen und damit Voraussetzungen für reales Handeln schaffen.
Im Impulsvortrag positioniert Bianca Herlo, Professorin für Eco-Social Design und Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Designtheorie und -forschung, Design als politisch wirksame Praxis in Zeiten multipler Krisen. Aus ihrer biografischen Erfahrung von Migration und anhand von Fragen sozialer Gerechtigkeit heraus argumentiert sie, dass Gestaltung nie neutral ist, sondern immer in Macht- und Wissensordnungen eingebettet ist.
Ausgehend von ihrer Arbeit im Kontext digitaler Teilhabe fragt Herlo nach der Rolle von Design in Prozessen digitaler Transformation. Traditionelle Paradigmen, die auf linearem Fortschritt und Wachstum beruhen, seien mit planetaren und sozialen Grenzen nicht länger vereinbar. Design müsse sich daher neu orientieren: Welche Formen von Sichtbarkeit, Sinnstiftung und Handlung ermöglicht oder verhindert Gestaltung? Und welche Zukünfte produziert Designforschung aktiv mit?
„Auf welche Wertesysteme stützen wir uns?“
Zentral ist für Herlo eine intersektional-feministische Perspektive. Diese Sichtweise berücksichtigt, wie sich verschiedene Formen von Diskriminierung – etwa aufgrund von Geschlecht, Herkunft, Klasse oder Sexualität – überschneiden und gemeinsam die Lebensrealitäten von ganz unterschiedlichlichen Menschen prägen. Digitale Infrastrukturen gelten darin nicht als neutrale Werkzeuge, sondern als Teil von Machtformationen, die bestimmte Gruppen privilegieren und andere marginalisieren. Über Themen wie algorithmische Governance, Plattformkapitalismus oder digitale Kolonialität verweist sie auf die politischen Dimensionen von Technologiegestaltung. Kritische Digitalisierungsforschung habe gezeigt, dass algorithmische Systeme soziale Ungleichheiten normierend reproduzieren, etwa durch Bewertungssysteme zum sozialen Status, prädiktive Polizeiarbeit oder Vorhersageverfahren in Justiz und Personalwesen. Das Erkennen und Anerkennen von Diskriminierungsformen gewinne dadurch an Bedeutung, ebenso wie Debatten um digitalen Feudalismus und Ressourcenausbeutung.
Dem setzt Herlo eine transformative, partizipative Designforschung entgegen. Gesellschaftliche, ökologische oder soziale Probleme sollen verbessert werden, indem Menschen mit direkter Erfahrung dieser Problemlagen aktiv und gleichberechtigt am Gestaltungsprozess mitwirken. Transformation ist hier nicht nur Ziel, sondern bereits Praxis, durch gemeinsames „Critical Making“, kollektives Experimentieren, durch den Aufbau neuer Allianzen. Gestaltung versteht sie als relationale Praxis, die sich an situierter Verantwortung statt an universellen Fortschrittsnarrativen orientiert.
„Critical Making, Critical Thinking oder einfach nur Making, oder einfach nur Zusammensein, ist zentral. Wir müssen Formate und Möglichkeiten anbieten, damit Menschen zusammenkommen.“
Intersektionale Ansätze legen offen, wie Design extraktivistische Wirtschaftsweisen oder geschlechtsspezifische Ausschlüsse stabilisiert hat, bieten jedoch zugleich Instrumente für „Care“, Widerstand und Neukonzeption. Für Herlo liegt hier der Kern einer ökosozial gerechten digitalen Zukunft, getragen von Demut, pluralen Wissen und neuen Formen transdisziplinärer Zusammenarbeit.
Jacob Sylvester Bilabel – Leiter der zentralen Anlaufstelle Green Culture des Bundes – verbindet in seinem Impulsvortrag kulturpolitische Praxis mit einer grundsätzlichen Reflexion über Transformation. Schon zu Beginn stellt er die Leitfrage: Ist „transform“ ein Imperativ, ein Subjekt oder ein Versprechen? Der Begriff sei allgegenwärtig und zugleich unscharf. Genau darin liegt das Problem.
Rückblickend auf die Klimaverhandlungen von 2009 in Kopenhagen zeigt Bilabel die Ernüchterung großer Pläne: viel Symbolik, wenig Umsetzung. Transformation dürfe jedoch nicht bei Ankündigungen stehen bleiben. Mit Verweis auf Tanmay Vora unterscheidet er klar: „Change fixes the past, transformation creates the future.“
Es gehe also nicht um kosmetische Korrekturen, sondern um strukturellen Neubau. Ein zentraler Punkt seines Vortrags ist die Warnung vor der begrifflichen Überdehnung, wenn alle von Transformation sprechen, aber niemand Verantwortung für konkrete Umsetzung übernimmt, bleibt sie leere Rhetorik. Pläne allein genügen nicht. Realität konfrontiert Strategien mit Widerständen, Zeitdruck und politischen Verschiebungen.
Bilabel beschreibt zudem die psychologische Dimension der Krise. Angst verengt den Blick, fördert Polarisierung und Scheingegensätze, etwa „Kunstfreiheit oder Nachhaltigkeit?“. Solche Dualismen seien Teil einer Aufmerksamkeitsökonomie, die Konflikte belohnt. Stattdessen plädiert er für Ambiguitätstoleranz: ein Sowohl-als-auch, das Widersprüche aushält.
Kultur kommt dabei eine besondere Rolle zu. Sie schafft Räume, in denen unterschiedliche Gefühle und Perspektiven gleichzeitig existieren dürfen, jenseits von Zynismus oder naiver Hoffnung. Sein Leitmotiv:
„Wie ich Transformation verstehe? Mit unfassbar freundlicher Penetranz immer weitermachen, so machen wir immer weiter, weil Transformation ein Teamsport ist.“
Transformation entsteht nicht durch perfekte Masterpläne, sondern durch kontinuierliches, gemeinsames Dranbleiben, stoisch, optimistisch und umsetzungsorientiert.
Mitdiskutierten u.a. Moritz Ahlert (Kiosk of Solidarity), Thomas Geisler (Staatliche Kunstsammlungen Dresden), Ruth Gilberger (Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft), Bianca Herlo (Hochschule Luzern und DGTF), Lars Jessen (Planet Narratives), Bettina Milz (Pina Bausch Zentrum), Ingrid Misterek-Plagge (Kulturraum Niederrhein), Havin al-Sindy (Künstlerin und HBK Braunschweig), Franziska Stelzer (Wuppertal Institut).
Moderiert wurde der Salon von Martina Fineder und Christoph Rodatz (beide BUW).
Im Salon 1 zu gesellschaftlich-kulturellen Verhältnissen rückten Fragen nach der Gestaltung unseres Zusammenlebens ins Zentrum. Im Fishbowl-Format wurde an die in den Impulsvorträgen von Bianca Herlo und Lars Jessen ausgelegten Fäden angeknüpft und diese mit konkreten Statements zu Teilhabe, Zugänglichkeit und Machtverhältnissen aus der Praxis von weiteren Vertreter*innen aus Kunst, Design und Wissenschaft weiter verwoben.
Zentral war die Frage, wie Leitbilder und Haltungen für eine sozial-ökologische Transformation entwickelt werden können, die nicht normativ gesetzt sind, sondern über Aushandlungsprozesse gesellschaftlich wirksam und akzeptiert werden können. Diskussionsleitend war die geteilte Überzeugung, dass Gestaltung immer auch eine politische und soziale Dimension hat und damit eine Mitverantwortung für das Gemeinwohl trägt.
Dabei wurde auch deutlich, dass es sich bei Transformationen Richtung Nachhaltigkeit um ein gesamtgesellschaftliches Projekt handelt, das tief in kulturelle Praktiken, Erzählungen und alltägliche Beziehungen hineinreicht, und nicht allein über strukturelle oder technologische Maßnahmen gelingen kann. Immer wieder wurde betont, dass es nicht genügt, neue Formate für Partizipation und Mitwirkung zu erfinden, oder Räume „für andere“ zu öffnen. Zugänge zu schaffen ist nicht genug, vielmehr gehe es darum, unterschiedlichen Perspektiven Sichtbarkeit zu geben, auch wenn diese den etablierten Kulturbetrieb nicht interessieren. Es gehe darum, gemeinsam zu handeln und im Handeln auch gemeinsam zu lernen, die vielfältigen Perspektiven ernst zu nehmen und diese füreinander in Wert zu setzen. Dabei müssen auch institutionelle Routinen und Strukturen kritisch hinterfragt werden, um sie für eine bedürfnisgerechte Um-/Gestaltung zu öffnen.
Die Diskutierenden hoben diesbezüglich wiederholt die enorme Bedeutung von kollektiv geteilten Erzählungen, Bildern und Objekten für Austausch und Diskurs als Voraussetzung für Wandel hervor. Mit und durch sie formulieren wir, ob Imaginationen von Zukünften gemeinsam Vorstellbares oder Ausgrenzendes enthalten. Sie sind eine wesentliche Grundlage, um den aktuell häufig praktizierten Mitmach-Diskurs zu überwinden und zu einem gemeinsamen Denken und Handeln kommen.
In der Diskussion geht es folglich auch darum, verschiedene Positionen zuzulassen und die Gestaltung von Erzählungen, Bildern, Objekten und Infrastrukturen durch eine Vielfalt an Stimmen zu bereichern: Unterschiedliche Perspektiven eröffnen neue Zugänge und verschieben gewohnte Blickwinkel und folglich auch Dominanz- und Machtverhältnisse. Entscheidend sei dabei nicht das Format, sondern wer die Geschichte erzählt, die den Projekten zugrunde liegt. Gestaltung wurde damit als Prozess des Aushandelns verstanden, der materiell-visuelle Ausdrucksformen, Sprachen und soziale wie zwischenmenschliche Beziehungen miteinander verbindet.
Anhand konkreter Beispiele – von künstlerischen Praktiken über urbane Interventionen bis hin zu Praktiken von kulturellen Großinstitutionen – wurde diskutiert, wie neue Räume der Begegnung entstehen können. Diese Orte sind oft prozesshaft, temporär und offen gedacht. Sie intervenieren in Alltagsroutinen, schaffen und ermöglichen über das Zusammentreffen und Zusammenwirken unterschiedlicher Lebensrealitäten und Zukunftsvorstellungen neue Formen von Solidarität und Fürsorge. Ein wiederkehrendes Motiv war dabei der Mut zum Experiment und zum Scheitern als Voraussetzung für Lernen und Veränderung.
Zugleich wurde kritisch auf die Sprache der Nachhaltigkeit geblickt. Begriffe wie „Transformation“ oder „Nachhaltigkeit“ seien häufig zu abstrakt oder sogar abschreckend. Stattdessen brauche es eine Sprache, die anschlussfähig ist und Menschen jenseits akademischer oder institutioneller Kontexte erreicht. Damit verbunden ist die Forderung an die jeweils eigene Disziplin, die eigene Komfortzone zu verlassen – räumlich, sprachlich und gedanklich.
Im Schlussteil des Salons verdichtete sich die Diskussion in der Leitfrage „Was wollen wir wagen?“ aus der die Einsicht erwuchs, dass Demokratie als offener Aushandlungsprozess verstanden werden muss. Gestaltung spielt dabei eine Schlüsselrolle: Sie kann Demokratieinnovationen hervorbringen, Vertrauen stärken und Räume schaffen, in denen Konflikte ausgetragen werden, ohne das Gemeinsame aus dem Blick zu verlieren. Wir müssen es wagen, ungehorsam zu sein, disziplinäre Grenzen zu verlassen, uns mit Fürsorge statt Misstrauen begegnen und den Mut aufbringen, die eigene Umgebung und die eigene Blase stärker zu verlassen.
Mit uns diskutierten unter anderem Manuel Bickel (Wuppertal Institut), Mareike Gast (Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle), Daniela Jacob (GERICS), Julia Lohmann (Aalto-Universität), Katharina Maderthaner (Künstlerin und BUW), Emily Volk (Stiftung Gesunde Erde – Gesunde Menschen).
Moderiert wurde der Salon von Carolin Baedeker (Wuppertal Institut) und Uta Atzpodien (Freie Dramaturgin, Wuppertal).
In diesem Salon reflektierten wir die Stellung des Menschen in Relation zur Natur. Im Fishbowl-Format wurde an die Impulsvorträge von Prof. Dr. Daniela Jacobs und Prof. Dr. Zita Sebesvári mit ihren Ausführungen zur Natur als Grundlage menschlicher Lebensbedingungen angeknüpft und die folgenden Leitfragen diskutiert:
Welche Bedeutungen schreiben wir der Natur zu – und uns selbst? Ist Natur Kapital, das sich durch andere Kapitalarten ersetzen lässt? Oder ist sie unverfügbar, jenseits ökonomischer oder kultureller Kalküle? Verstehen wir uns als Teil der Natur, als ihre Gestalter*innen oder als ihre Bezwinger*innen? Als Betroffene von Naturereignissen oder als deren Verursacher*innen? Was meinen wir eigentlich, wenn wir von „Natur“ sprechen – eine göttliche Ordnung, eine bloße Ressource oder ein aktives System, das mit dem Menschen in Wechselwirkung steht? Zwischen diesen Vorstellungen entstehen vielfältige, hybride Konzepte ohne klare Grenzen, in denen sich Lebens-, Rechts- und Wirtschaftswelten unter dem Einfluss von Macht- und Mehrheitsstrukturen materialisieren. Die zentrale Frage lautete daher: Eröffnen veränderte Vorstellungen von Natur – im Zusammenspiel von Ethik, Kultur, Design und Ökonomie – neue Wege für Nachhaltigkeitstransformationen zwischen planetaren Grenzen und menschlichem Wohlbefinden?
Ein Thema der Diskussion war die Verschiebung von einem anthropozentrischen hin zu einem relationalen Verständnis von Mensch-Umwelt-Verhältnissen. Natur wurde nicht als passiver Hintergrund menschlichen Handelns, sondern als aktive Mitgetsalterin begriffen, die Handlungsspielräume setzt und zugleich begrenzt. Natur stecke nämlich den Rahmen ab, in dem wir handeln können, also physikalisch, biologisch, klimatisch.
In diesem Zusammenhang wurde die Idee der planetaren Gesundheit als verbindendes Narrativ diskutiert, das ökologisches Gleichgewicht, menschliches Wohlergehen und soziale Gerechtigkeit zusammen denkt. Denn gesunde Menschen gäbe es nur auf einer gesunden Erde: Klima- und Umweltschutz muss mit Gesundheitsschutz zusammengedacht werden.
Besondere Aufmerksamkeit galt dabei den körperlichen, sinnlichen und erfahrungsbasierten Zugängen zur Natur. Anhand künstlerischer und gestalterischer Praktiken wurde deutlich, dass Empathie und Verantwortungsbewusstsein häufig weniger durch abstrakte Daten als vielmehr durch unmittelbares Erleben entstehen. So wurde festgehalten, dass sich Handlungen verändern, wenn wir die Natur nicht nur als ein Element betrachten, sondern spürbar machen bzw. erleben.
Zugleich wurden Zielkonflikte und Grenzen deutlich benannt: zwischen Ressourcenschutz und Konsumgewohnheiten, zwischen technologischem Fortschritt und Rohstoffabhängigkeiten sowie zwischen Effizienz, Konsistenz und Suffizienz. Der Ruf nach interdisziplinärer Zusammenarbeit zog sich dabei durch alle Beiträge. Design und Kunst wurden dabei sowohl als eigenständige kritisch-reflexive Praxen wie auch als sinnlich-ästhetisch vermittelnde Kräfte diskutiert, die komplexe Zusammenhänge erfahrbar machen und über die Darstellung diverser Mensch-Natur-Relationen neue Zukunftsbilder eröffnen können. Außerdem wurde der Wunsch genannt, nicht länger nur zu analysieren, sondern ins Handeln zu kommen, auch um den Preis von Unsicherheiten und Konflikten. Dabei ging es um den Mut, bestehende Narrative zu hinterfragen, Privilegien anzuerkennen und neue Formen der Kooperation mit menschlichen wie nicht-menschlichen Akteur*innen zu erproben. Das bedeutet auch Freiheit und Klimaschutz nicht als einen Widerspruch anzusehen, denn Klimawandel führe zu der Unfreiheit von alle.
Mit uns diskutierten unter anderem Anke Bernotat (FUdK), Jacob Bilabel (Green Culture Anlaufstelle), Christiane Bucher (Akademie des Handwerks Schloss Raesfeld), Barbara Hemkes (BiBB), Ines Rainer (creative.nrw), Jola Welfens (Volkswirtin und Transformationsforscherin) und Nicole Zabel-Wasmuth (Planet Narratives). Moderiert wurde der Salon von Christa Liedtke (Wuppertal Institut) und Sven Sappelt (Bundeskunsthalle).
In diesem Salon stand die Gestaltung ökonomischer und institutioneller Verhältnisse im Mittelpunkt. Ausgehend von den Impulsvorträgen von Jacob Bilabel und Nicole Zabel-Wasmuth entfaltete sich im Fishbowl-Format eine Diskussion über die Frage, wie tief wirtschaftliche Logiken von Wachstum und Effizienz über Wettbewerb bis hin zu globalen Kapitalströmen in unsere Gesellschaft eingeschrieben sind.
Der Begriff des Kapitalozäns bringt dabei auf den Punkt, was oft unsichtbar bleibt: dass diese Logiken nicht nur Märkte formen, sondern auch Alltagspraktiken, Konsummuster und kulturelle Leitbilder des Erfolgs – und damit wesentlich bestimmen, wie wir Wohlstand, Fortschritt und Lebensqualität verstehen.
Gerade weil sie so tief in gesellschaftliche und materielle Strukturen eingeschrieben sind, war die zentrale Frage des Salons: Sind diese Verhältnisse veränderbar – und wenn ja, wie? Wie lassen sich wirtschaftliche Beziehungen so gestalten, dass sie nicht länger auf Verschleiß und Ausbeutung beruhen, sondern auf Fürsorge, Kooperation und langfristigem Werterhalt? Und welche institutionellen Innovationen braucht es, um Wirtschaft als gestaltbares, kulturell eingebettetes System neu zu denken – eines, das ökologische Grenzen anerkennt und soziale Gerechtigkeit stärkt?
Die Diskussion machte deutlich, dass zentrale Hemmnisse einer sozial-ökologischen Transformation weiterhin wirksam sind. Besonders kritisch wurde die starke Fixierung auf Wirtschaftswachstum: Wir leben in einer Gesellschaft, in der Wirtschaftswachstum – gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) – als zentrale Voraussetzung für Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit gilt. Das Wirtschaftswachstum bedeutet einen immerwährenden Zuwachs von Gütern und Dienstleistungen – und in der Konsequenz steigenden Ressourcenverbrauch, was dazu beiträgt, dass wir schon heute die ökologischen Leitplanken des Planeten in mehreren Bereichen (wie Klimawandel, Verlust der Biodiversität) überschritten haben.
Verstärkt werde diese Dynamik durch Konsumismus und digitale Beschleunigung, die Konsumidentitäten und Statuslogiken weiter befeuern. Was dabei jedoch oft vergessen wird, Wirtschaftssysteme sind kein Naturgesetz. Sie sind von Menschen geschaffen worden, wodurch Veränderungen auch in der Hand der Verantwortlichen liegt, die auf dieses System Einfluss nehmen (können). Dazu braucht es die Fähigkeit, über bestehende Normen, Strukturen und Denkweisen hinauszugehen, um alternative Ordnungen und Zukunftsbilder zu entwerfen.
Ein zweites zentrales Hindernis sei die soziale Ungleichheit. Extreme Vermögens- und Einkommensunterschiede schwächten den gesellschaftlichen Zusammenhalt und untergrüben die Bereitschaft zur Veränderung. Ungleichheit wirke als strukturelle Bremse, indem sie Macht- und Kapitalströme konzentriere und Investitionen eher in kurzfristig profitable als in gemeinwohlorientierte Geschäftsmodelle lenke. Eine sozial-ökologische Transformation könne daher nur gelingen, wenn Fragen der Verteilung, der demokratischen Steuerung von Kapital und der gerechten Teilhabe offensiv verhandelt würden. Gerade deshalb kommt der Reduktion von Ungleichheit eine Schlüsselrolle zu: Wo Zusammenhalt erodiert, sinkt auch die kollektive Fähigkeit und Bereitschaft zur Veränderung und Innovation – beides bildet aber die Grundlage für eine resiliente Wirtschaft und Gesellschaft.
Zugleich wurde ein optimistischer Gegenakzent gesetzt. Wirtschaftssysteme seien gestaltbar, neue Wohlstandsindikatoren, Gemeinwohlmodelle, Reparatur- und Kreislaufansätze sowie branchenübergreifende Kooperationen zeigten konkrete Alternativen auf. Entscheidend sei, diese Ansätze aus der Nische zu holen und institutionell zu verankern.
In diesem Zusammenhang wurde auch die Bedeutung von Bildung hervorgehoben. Sie ist zentral für Transformationsprozesse, wird jedoch im Sinne einer Bildung für nachhaltige Entwicklung bislang meist nur ergänzend statt strukturell umgesetzt. Erforderlich ist ein Wandel von reiner Wissensvermittlung hin zu Zukunftskompetenzen, die Menschen zur aktiven Gestaltung von Veränderungen befähigen. Somit brauche es neue gesellschaftliche Aushandlungsräume, wie eine „Agora“ für unbequeme Fragen, damit Lösungen gemeinschaftlich entworfen und aktiv gestaltet werden können. Die Zukunft lässt sich nicht einfach kaufen, wir müssen sie schon selbst gestalten.
Im dritten Teil der Agora verdichteten sich die Diskussionen der Salons nicht zu einzelnen Themenclustern, sondern zu einer gemeinsamen Haltung. Vorgestellt wurden die Ergebnisse von Janine Steeger und Bernd Draser. Im Zentrum stand weniger die Frage nach spezifischen Einzelmaßnahmen als vielmehr nach den kulturellen und institutionellen Voraussetzungen von Transformation. Die historische Referenz auf die Agora im antiken Athen fungierte dabei als Leitbild: ein Raum, an dem gewirtschaftet wird, der jedoch zugleich Kommunikation, Streit und demokratische Selbstvergewisserung ermöglicht. Nachhaltigkeit wurde somit nicht als technisches Optimierungsprojekt verstanden, sondern als zutiefst demokratische Praxis.
In allen drei Salons wurde deutlich, dass es wichtig ist, zu begreifen, dass unterschiedliche Meinungen und offener Widerspruch als etwas Wertvolles verstanden werden können. In einer Zeit, in der Polarisierung häufig als Bedrohung wahrgenommen wird, werden Gegensätze als produktive Kraft interpretiert.
Transformation braucht Konfliktfähigkeit, Ambiguitätstoleranz und die Bereitschaft, Komfortzonen zu verlassen. Damit verbunden ist ein Perspektivwechsel, weg von moralisierender Kommunikation, hin zu Dialog, Humor und narrativer Anschlussfähigkeit.
„Ungehorsam, also aus starren Strukturen auszubrechen. Auch durchaus im Sinne der Bubble, in der wir uns alle bewegen. Nicht nur in eine Richtung, sondern auch in die andere Richtung: andere reinzulassen, anderen zuzuhören, vielleicht auch weniger paternalistisch zu sein.“
Es wurde deutlich, dass Nachhaltigkeit vor allem auch eine Frage des Naturverständnisses ist. Die Diskussionen zeigten, wie stark gegenwärtige Diskurse noch von anthropozentrischen Kategorien geprägt sind. Die symbolische Einbindung nichtmenschlicher Akteure verwies auf die Notwendigkeit, die Umwelt als Mitwelt zu begreifen. Wissenschaftliche Reflexion und künstlerische Praxis wurden dabei nicht als Gegensätze, sondern als komplementäre Erkenntnisformen verstanden. Kunst kann sichtbar machen, irritieren und Horizonte erweitern, sie kann Transformation emotional und imaginativ vorbereiten.
Wachstum wurde nicht als unverrückbare Konstante, sondern als historisch gewachsene Struktur beschrieben, die veränderbar ist. Die Diskussion um Suffizienz, Regeneration und planetare Grenzen mündete in der Einsicht, dass strukturelle Veränderungen nur gelingen, wenn sie mit einer veränderten Haltung einhergehen. Ehrlichkeit gegenüber Zielkonflikten, Rebound-Effekten und eigenen Privilegien wurde als Voraussetzung benannt.
Schließlich rückte die Frage nach Zukunftsfähigkeit in den Mittelpunkt. Die damit beantwortet wurde, dass Transformation die Vorstellung einer gestaltbaren Zukunft voraussetzt. Bildung, Kollaboration und neue Narrative sind dabei strategische Hebel.
„Was wir wagen wollen: Ehrlichkeit. Dass wir uns also ehrlich den Dingen stellen, auch Fehler und Rückschläge berücksichtigen und einfach realistisch auf die Welt blicken. Dass wir lustvolle Momente schaffen, dass wir kooperieren, ko-gestalten und uns auch trauen, dabei Kontrolle abzugeben. Dass wir Prioritäten setzen und wirklich sagen: Das machen wir jetzt.“
Das Amsterdamer Designkollektiv Metahaven untersuchte in einer Kombination aus Film, Design und künstlerischer Forschung die Schnittstellen zwischen Menschen, Gestaltung und unserem Planeten. In der eigens für das Symposium entwickelten Filmlecture reflektierten sie Fragen des Geo–Designs.
Ausgangspunkt der Überlegungen war die Beobachtung, dass Kunst seit jeher Naturphänomene darstellt und interpretiert. Werke, die etwa Sonnenaufgänge zeigen, spiegeln energetische und wahrnehmungsbezogene Prinzipien wider und verdichten komplexe atmosphärische Eindrücke in ästhetische Formen.
„Art is full of pictures of a sunrise, but it has a much harder time portraying a climate crisis.“
Am Beispiel von Claude Monet wurde gezeigt, wie Malerei Licht, Atmosphäre und Bewegung erfahrbar machen kann. Gleichzeitig wurde jedoch deutlich, dass künstlerische Darstellungen an Grenzen stoßen, wenn es darum geht, den Klimawandel zu repräsentieren. Dieser Prozess entzieht sich einfachen Symbolisierungen, da er kaum narrativ strukturiert und nur teilweise sichtbar ist, obwohl er tiefgreifende Veränderungen hervorruft. In diesem Zusammenhang wurde auf den Schriftsteller Amitav Ghosh verwiesen, der dieses Problem als „Große Entzweiung“ beschrieben hat: Der Klimawandel verändert die Welt fundamental, lässt sich jedoch nur schwer in traditionelle Formen von Erzählung und Darstellung integrieren.
Ein weiterer Teil des Beitrags widmete sich der Rolle von Wahrnehmung im Zusammenhang mit dem Klimawandel. Dabei wurde erläutert, dass das Erdsystem, bestehend aus Atmosphäre, Ozeanen und Kryosphäre, die Sonneneinstrahlung und damit die Temperatur des Planeten reguliert. Eine zentrale Rolle spielt dabei Kohlendioxid (CO₂), das den Treibhauseffekt verstärkt. Historisch wurde bereits während der Industrialisierung erkannt, dass die Verbrennung von Kohle und anderen fossilen Energieträgern zu einem Anstieg der CO₂-Konzentration in der Atmosphäre führt. Die gegenwärtigen klimatischen Veränderungen wurden im Vortrag als Ergebnis eines global vernetzten Systems beschrieben und in dem einzelne CO₂-Moleküle untrennbar mit ihrer Entstehungsgeschichte verbunden sind. Gleichzeitig wurde betont, dass diese molekulare Ebene schwer in eine klassische narrative Struktur überführt werden kann. Da einzelne Moleküle keine klaren Handlungen oder Akteure darstellen, wird die dramatische Erzählbarkeit des Klimawandels erschwert. Kunst und Literatur greifen daher häufig auf sichtbare Folgen wie schmelzende Gletscher oder extreme Wetterereignisse zurück, während die Ursachen abstrakt bleiben.
Im weiteren Verlauf wurde auf Formen künstlerisch-politischen Protests eingegangen. Als Beispiel wurden Aktionen von Klimaaktivisten genannt, bei denen berühmte Gemälde, etwa von Van Gogh oder Monet, mit Suppe beworfen wurden. Diese Interventionen zielten weniger auf die Zerstörung der Kunstwerke als auf eine Irritation etablierter Wertstrukturen. Indem die Ruhe und Unantastbarkeit der Kunstwerke gestört wurde, entstand eine mediale Aufmerksamkeit, die auf die Dringlichkeit der Klimakrise verweisen sollte. Der Beitrag interpretierte solche Aktionen als strategische Eingriffe in die gesellschaftliche Aufmerksamkeitsökonomie. In diesem Sinne können sie auch als eine Form von Design verstanden werden, da sie gezielt darauf hinwirken sollen, Wahrnehmungen zu verschieben und öffentliche Diskurse zu beeinflussen.
Abschließend stellte der Vortrag das Konzept des Geo–Designs vor. Angesichts der komplexen und globalen Herausforderungen des Klimawandels wurde argumentiert, dass kein einzelner Lösungsansatz ausreichend ist. Stattdessen wurden vielfältige, experimentelle und häufig bottom-up initiierte Strategien als notwendig beschrieben. Geo–Design bezeichnet dabei organisierte Gestaltungsansätze, die planetare Systeme berücksichtigen und physische, kognitive sowie imaginative Beziehungen zum Planeten neu denken. Dabei wurde eine offene und neugierige Herangehensweise betont, die auch marginalisierte Perspektiven einbezieht und lineare Lösungsmodelle hinterfragt. Ziel dieser Ansätze ist es, durch unterschiedliche Modelle, Experimente und kreative Praktiken langfristig eine nachhaltige und widerstandsfähige Beziehung zwischen menschlichen Gesellschaften und dem Planeten zu entwickeln.
„Henceforth, a case for Geo–Design would involve a renewal of material, cognitive, and imaginative relationships with the planetary, led by curiosity, DIY (do-it-yourself), and bottom-up-experiment.“