Im Rahmen der Konferenz skizzierte Manfred Fischedick, Präsident des Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie und Professor an der Bergischen Universität Wuppertal, die zentralen Herausforderungen globaler Nachhaltigkeitspolitik. Er setzte damit den orientierenden Rahmen für die darauffolgenden Labs und Panels.
Ausgangspunkt seiner Analyse sind die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2015, die einen umfassenden Nachhaltigkeitsfahrplan für das Jahr 2030 skizzieren. Die Halbzeitbilanz zeigt jedoch deutliche Defizite: Lediglich bei einem Sechstel der Ziele sei die Weltgemeinschaft auf Kurs, während sich die Indikatoren bei einem weiteren Sechstel sogar in die falsche Richtung bewege; bei rund zwei Dritteln gebe es kaum Fortschritte.
„Wir haben eine riesige Handlungslücke – obwohl die sichtbaren Schäden stetig zunehmen“
Diese Diagnose deckt sich mit Befunden zu den planetaren Grenzen. In sieben von neun Bereichen würden die ökologische Belastungsgrenzen inzwischen überschritten, zuletzt auch bei der Versauerung der Ozeane. Parallel steigen global Ressourcenverbrauch, Abfallmengen und geopolitische Spannungen um kritische Rohstoffe. Die ökologischen Krisen überlagern sich dabei mit sozialen Ungleichheiten und Handlungsmöglichkeiten. So verursachen die reichsten zehn Prozent weltweit rund 60 Prozent der Treibhausgasemissionen und verfügen zugleich über den Großteil des Vermögens, ein doppeltes Ungleichgewicht aus Verantwortung und Gestaltungsmacht.
„Wir brauchen deutlich mehr Mut zum Handeln und eine Bündelung der Kräfte, um die Umsetzungsintensität zu steigern“
Dies gilt gerade auch mit Blick auf die internationale Klimapolitik und die bisher unzureichende Dynamik rund um das Pariser Abkommen von 2015. Um das von mehr als 190 Staaten als wünschenswert erachtete 1,5-Grad-Ziel einzuhalten, müsse die Welt bis 2050 treibhausgasneutral werden. Tatsächlich steigen die globalen Emissionen – sieht man von Extremereignissen wie bspw. der Corona-Pandemie einmal ab – jedoch weiter an. 2024 wurde erstmals die 1,5-Grad-Schwelle in einem Einzeljahr überschritten. Die nach den Vorgaben des Pariser Abkommen aktuell verpflichtend einzureichenden nationalen Emissionsminderungsfahrpläne führen auf einen Erwärmungspfad von etwa 2,6 bis 2,8 Grad Celsius bis zum Ende des Jahrhunderts.
Vor diesem Hintergrund sei ein grundlegender Kurswechsel erforderlich. Gemeinsam mit dem Club of Rome bezeichnet Manfred Fischedick diesen notwendigen Richtungswechsel als „Giant Leap“, einen großen Sprung statt schrittweisen kleinen Anpassungen. Auch für Deutschland sei ein derartiger großer Sprung noch notwendig, auch wenn Deutschland seine Emissionen seit 1990 um immerhin bereits 48 Prozent gesenkt hat. Mindestens eine Verdoppelung der jährlichen Minderungsanstrengungen sei notwendig, um bis 2045 das im nationalen Klimaschutzgesetz vorgegebene Ziel der Klimaneutralität zu erreichen.
Als zentrale Hemmnisse identifiziert er politische Kurzfristlogiken, gesellschaftliche Konflikte, Desinformation und die Komplexität multipler Krisen. Gleichwohl bleibt er optimistisch, denn die Transformation sei möglich, erfordere jedoch Mut, Kontinuität und neue Allianzen zwischen Wissenschaft, Politik, Wirtschaft. Dem verstärkten Austausch mit Kunst und Kultur kommt dabei eine zentrale Bedeutung zu. Entscheidend sei die Entwicklung einer Ermöglichungskultur, die nachhaltiges Handeln für möglichst Viele strukturell erleichtert und gesellschaftliche Beteiligung stärkt. Dabei sei Klima- und Ressourcenschutz kein Luxus, sondern gerade in der heutigen Zeit mit einem handfesten Zusatznutzen verbunden, führen doch die meisten der Maßnahmen zugleich zu einer Verringerung der Verletzlichkeit gegenüber geo-politischen Krisen und Abhängigkeiten.
„Das stärkere Zusammenwirken von Wissenschaft mit Kunst, Design und Kultur setzt die dringend notwendigen Kreativitätskräfte frei, um auch neue Lösungswege gehen zu können.“
Mitwirkende: Fabian Hemmert (BUW), Lars Jessen (Planet Narratives), Bettina Milz (Pina Bausch Zentrum), Bettina Paust (Kulturbüro der Stadt Wuppertal), Henriette Pleiger (Bundeskunsthalle), Nicole Zabel-Wasmuth (Planet Narratives). Moderiert wurde das Panel von Dunja Karabaic (ökoRAUSCH) und Erica von Moeller (BUW).
Wie erzählen wir Wandel? Dieser Leitfrage widmete sich das Panel „Narrative und Geschichten des Gelingens“ mit Expert*innen aus Film, Kunst, Design, Wissenschaft und kuratorischer Praxis. Im Zentrum stand die Überzeugung, dass sozialökologische Transformation nicht allein durch Fakten vermittelt werden kann, sondern durch Geschichten, Bilder und Emotionen, die Zukunft sinnlich erfahrbar machen.
Die Moderatorinnen betonten zu Beginn, dass es darum gehe, „imaginative und erzählerische Formate und Praktiken tatsächlich auch als Treiber für den Wandel zu nutzen“. Narrative seien nicht bloß Begleiterscheinungen politischer Prozesse, sondern könnten selbst handlungsleitend wirken. Dabei spannte sich der Bogen zwischen Utopie und Dystopie, zwischen Prozess und fertigem Zukunftsbild.
Es wurde auf Studien aus der Filmpraxis verwiesen, die zeigen, dass weder reine Dystopie noch naive Utopie nachhaltig motiviert werden können. Wirksamer seien Geschichten, die bestehende Lösungen sichtbar machen und sie in realistische Zukunftsbilder einbetten. Transformation müsse als Prozess erzählt werden mit Unsicherheiten, Widersprüchen und Kontrollverlust. Andere plädierten dafür, nicht nur den Showroom der fertigen Welt zu zeigen, sondern auch das Chaos des Umbaus. Transformation sei schließlich auch eine Art Kontrollverlust.
Auch in der Kunst- und Theaterpraxis spielt Prozesshaftigkeit eine zentrale Rolle. Es wurden Projekte im öffentlichen Raum beschrieben, in denen vermeintlicher Müll zur Ressource wurde und neue Allianzen entstanden. Kunst eröffne Möglichkeitsräume und erlaube es, Widersprüche auszuhalten, statt sie vorschnell aufzulösen. Dabei wurde unterstrichen, dass aus kuratorischer Perspektive die Kraft interdisziplinärer Ausstellungen, die wissenschaftliche Themen wie Klima oder Kapitalismus emotional zugänglich machen und so neue Verständigungsräume schaffen.
Ein zentrales Motiv war die Frage nach Sprache und Zugänglichkeit. Es wurde hervorgehoben, dass abstrakte Begriffe verständlich aufbereitet und enger mit der Lebensrealität der Menschen verbunden werden sollten. So könnte man auch hervorheben, dass Transformation für Veränderung zum Besseren stehe und damit eine inkludierende Sprache entwickeln. Denn es gehe darum, vom individuellen Nutzen zu einer kollektiven Perspektive zu gelangen.
Zum Abschluss formulierten die Panelist*innen, was es künftig zu wagen gilt: mehr Humor, mehr interdisziplinäre Zusammenarbeit, mehr internationale Perspektiven und vor allem den Mut, „aufzuhören zu erklären und anfangen zu erzählen“. Denn erst durch Geschichten, die berühren, wird Wandel vorstellbar und damit möglich.
Mit Beispielen von: Max Godelmann (Godelmann GmbH & Co. KG), Verena Hermelingmeier und Bianca Orboi (Projekt Maarwerk und Alanus Hochschule), Andreas Kalweit (Niederrheinische Formenfabrik Janssen GmbH), Helga Kühnhenrich (Zukunft Bau, BBSR), Monika Lichtinghagen-Wirths (:metabolon, Bergischer Abfallwirtschaftsverband), Malene Saalmann (Universität Kassel; SDG+ Lab), Tilo Schulz und Pradtke GmbH, Jochen Stiebel (Neue Effizienz gGmbH). Diskussion mit Angela Kesselring (Futures Being Made), Carsten Baumgarth (Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin), Christa Liedtke (Wuppertal Institut). Methodische Begleitung mit Katja Kremser und Martina Fineder (Bergische Universität Wuppertal) sowie dem transform.NRW-Team.
Wie gelingt die Transformation der Wirtschaft in der Praxis – und welche Rolle spielen gestalterische und künstlerische Impulse dabei? Im offenen World-Café-Format luden acht Praxisbeispiele aus Wirtschaft, Forschung und Design dazu ein, dieser Frage konkret nachzugehen. Dabei stand nicht nur das Was, sondern vor allem das Wie im Vordergrund: Wie lassen sich Nachhaltigkeitsstrategien im wirtschaftlichen Kontext praktisch verankern? Und wie können ihre Wirkungen in größere gesellschaftliche Zusammenhänge übersetzt werden?
Die acht Stationen bildeten mit ihren jeweiligen Beispielen ein breites Spektrum ab – von der Rohstoffverarbeitung bis zur Bürogestaltung, von der Deponieumnutzung bis zur Bauwende. Helga Kühnhenrich stellte den Zukunft Bau Pop-up-Campus vor. Dieser führt Forschung, Lehre und Stadtleben an einem zentralen Ort zusammen. Verena Hermelingmeier und Bianca Orboi präsentierten das Projekt Maarwerk: eine familiengeführte Gewerbefläche in Beuel-Ost, die schrittweise in ein Reallabor für regeneratives, lokales Wirtschaften transformiert werden soll. Andreas Kalweit schilderte, wie er die traditionsreiche Niederrheinische Formenfabrik Janssen GmbH sozial gerecht und ökologisch verantwortungsvoll ins digitale Zeitalter überführt. Malene Saalmann brachte das Forschungsvorhaben FatTex mit, ein Projekt, das die Prozesskette heimischer Schafwolle von der Wollwäsche bis zum kreislauffähigen Textilprodukt neu denkt. Monika Lichtinghagen-Wirths beschrieb die Transformation der Deponie Leppe zum Innovationsstandort :metabolon. Max Godelmann stellte den GDM Klimastein vor, einen klimapositiven Betonstein, mit dem sein Familienunternehmen den Anspruch verbindet, zum grünsten Betonsteinwerk Europas zu werden. Jochen Stiebel präsentierte Circular.Office, das zirkuläre Produktprototypen und neue Geschäftsmodelle für eine nachhaltige Bürogestaltung entwickelt. Tilo Schulz schließlich berichtete über seinen Auftrag bei der Pradtke GmbH in Bochum, durch die Gestaltung von Arbeitsräumen Impulse für eine nachhaltige Unternehmenskultur zu setzen.
An jeder Station arbeiteten die Teilnehmenden gemeinsam mit der Methode Map/ing Sustainability. Dabei handelt es sich um einen Ansatz zur Wirkungsanalyse, der die positiven Wirkpotenziale von Projekten und Initiativen entlang der Nachhaltigkeitsziele der UN (SDGs) sichtbar und diskutierbar macht. Ausgangspunkt sind die konkreten Aktivitäten eines Projekts.Von dort aus werden schrittweise Ketten gesellschaftlicher Wirkung aufgebaut: von unmittelbaren Outputs über mittelfristige Outcomes bis hin zu weitreichenden gesellschaftlichen Impacts. Die Methode macht dabei sichtbar, wie sich ökologische, soziale und wirtschaftliche Dimensionen gegenseitig bedingen und verstärken. Gleichzeitig schafft sie einen gemeinsamen Verständigungsrahmen.Im Gespräch zwischen Praktiker*innen aus der Wirtschaft, Forschenden und weiteren Teilnehmenden entsteht ein geteiltes Bild davon, an welchen Stellen und wie ein Projekt in umfassende Transformationsprozesse eingreift. Dabei zeigte sich, wie komplex und vielschichtig selbst scheinbar klar umrissene Projekte wirken: Ein wasserspeichernder Betonstein etwa betrifft gleichzeitig die Bereiche Gesundheit, städtisches Leben und natürliche Ressourcen. Das gemeinsame Erarbeiten dieser Zusammenhänge war zugleich Ziel und Methode – als praktischer Beitrag zur Entwicklung einer kollektiven Sustainable Design Literacy.
Mitwirkende: Jacob Sylvester Bilabel (Green Culture Anlaufstelle), Christina Dath (NRW KULTURsekretariat), Nina Hensel (Performing for Future), Bianca Herlo (DGTF), Geske Houtrouw (Handwerkskammer Düsseldorf), Kim Huber (transform.NRW), Selina Kahle (2N2K), Margarethe Kreuser (2N2K), Franziska Hartmann (#Weben für morgen), Harriet Oelers (Green Culture Dortmund), Ines Rainer (creative.nrw), Eva Rudolf (co-do! lab), Christina Dath (NRW KULTURsekretariat). Moderiert wurde das Lab von Carolin Baedeker (WI) und Uta Atzpodien (Freie Dramaturgin).
Wie verbinden sich Akteur*innen aus Kunst, Kultur, Design, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft zu Netzwerken, die nachhaltige gesellschaftliche Entwicklungen ermöglichen und tragen? Diese Leitfrage stand im Zentrum des Panels „Netzwerke, Kompliz*innen und andere Verbündete“, das als offenes Format im Sinne eines „Markts der Möglichkeiten“ konzipiert war.
Vertreter*innen von zwölf Netzwerken aus den Bereichen Kunst, Kultur, Design und Nachhaltigkeit – von lokaler bis bundesweiter Ebene – sowie weitere Teilnehmende des Symposiums kamen zusammen, um Erfahrungen und Perspektiven auszutauschen und neue Allianzen zu erkunden. Wo unterschiedliche Disziplinen aufeinandertreffen, entstehen Dialoge, aber auch Reibungen und Resonanzen. Gestaltung und Veränderung sind dabei kein linearer Prozess, sondern Ergebnis komplexer Beziehungen und dynamischer Aushandlungen. Die Gespräche in diesem Lab drehten sich um die Frage, welche „Netzformen“ langfristig tragen können.
Den Auftakt bildete eine prägnante Vorstellungsrunde: In kurzen Beiträgen präsentierten die Netzwerke ihre Ziele, Arbeitsweisen und Visionen. Trotz der zeitlichen Begrenzung wurde die Vielfalt der Netzwerklandschaft deutlich – von institutionell verankerten Initiativen bis hin zu selbstorganisierten, lokalen Zusammenschlüssen. Gemeinsam war ihnen das Anliegen, nachhaltige Transformation aktiv mitzugestalten und unterschiedliche Akteur*innen miteinander zu verbinden. In der anschließenden moderierten Fragerunde wurden zentrale Themen vertieft: Welche Rolle spielen Netzwerke für nachhaltige Entwicklungen in Kunst, Kultur und Design? Wo liegen ihre Potenziale, wo stoßen sie an Grenzen? Und was benötigen sie, um langfristig wirksam zu sein? Diskutiert wurden unter anderem die Fragen nach Ressourcen, struktureller Unterstützung, Sichtbarkeit und politischen Rahmenbedingungen. Auch Spannungsfelder wie „Konkurrenz versus Kooperation“ oder „Offenheit versus Verbindlichkeit“ wurden thematisiert.
Ein wiederkehrendes Motiv war die Idee der „Kompliz*innenschaft“: das bewusste, solidarische Zusammenwirken über disziplinäre Grenzen hinweg. Dabei wurde deutlich, dass nachhaltige Allianzen Vertrauen, kontinuierliche Pflege und gemeinsame Werte erfordern. Gleichzeitig wurde die Notwendigkeit betont, mit Differenzen produktiv umzugehen und Netzwerke als offene, lernende Systeme zu begreifen.
Die abschließende Vernetzungsphase überführte die Diskussion in direkte Begegnungen. In einem offenen „Markts der Möglichkeiten“ kamen die Teilnehmer*innen miteinander ins Gespräch, knüpften neue Kontakte und identifizierten mögliche Kooperationen.
Das Lab machte deutlich: Netzwerke sind zentrale Träger gesellschaftlicher Transformation. Sie bündeln Wissen, schaffen Resonanzräume und ermöglichen gemeinsames Handeln – stehen jedoch zugleich vor strukturellen, finanziellen und organisatorischen Herausforderungen. Formate wie dieses leisten einen wichtigen Beitrag, um diese Prozesse sichtbar zu machen, zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Die gemeinsame Suche nach tragfähigen Strukturen und zukunftsfähigen Allianzen bleibt dabei eine fortlaufende Aufgabe.
Mit Präsentationen von Mareike Gast (Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle), Daniel Lang (Karlsruhe Institute of Technology), Judith Schanz und Daniel Wilkens für Sustainability by Design (Folkwang Universität der Künste, Essen), Malene Saalmann (Universität Kassel). Moderiert wurde das Panel von Martina Fineder und Felix Fastenrath (beide BUW).
Dieses Panel gab Einblicke in disziplinübergreifende Labore und Werkstätten an der Schnittstelle von Design, Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft. Vorgestellt wurden Material- und Technologielabore, Reallabore und SDG-Labs, die experimentelle Formen des Lernens, Forschens und Gestaltens eröffnen. Gemeinsam war das Ziel, Wege zu einer nachhaltigen Transformation mit der Gesellschaft zu erproben. Diskutiert wurde, welche Impulse und Maßstäbe für Konsum- und Produktionskulturen, unter anderem am Beispiel von Mobilitätsformen, in solchen Laboren entstehen können – Ansätze, die außerhalb dieser geschützten Räume (noch) nicht möglich wären. Ebenso wurde die Frage behandelt, wie die Erkenntnisse aus diesen Laboren in die Welt hinausgelangen: Welche neuen institutionellen und gesellschaftlichen Verhältnisse müssten gewagt werden, damit sie dort Wirkung entfalten können. Betont wurde dabei, dass der Grundgedanke von Reallaboren eben nicht darin bestehe, Lösungen zu entwickeln und diese anschließend in die Gesellschaft zu transferieren, sondern, dass Lösungen von vornherein in der Gesellschaft entstehen müssen.
Die präsentierten Beispiele machten deutlich, dass Labore heute weit mehr als technische Versuchsanordnungen sind. In gestalterisch ausgerichteten Material- und Technologielaboren, wie etwa in den BurgLabs der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, wird mit biobasierten Werkstoffen, zirkulären Produktionsweisen und spekulativen Szenarien gearbeitet. Prototypen aus Myzel oder Chitosan dienen dort nicht allein der Materialforschung, sondern hinterfragen bestehende Wertschöpfungsketten. Reparatur, Wiederverwertung und sogar der Zerfall von Produkten werden von Beginn an mitgedacht. Die Labore fungieren als Möglichkeitsräume, in denen alternative Produktions- und Konsumlogiken praktisch erprobt werden.
Reallabore, wie sie unter anderem am Karlsruher Institut für Technologie etabliert wurden, verstehen Transformation als kooperativen Lernprozess zwischen Wissenschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft. In langfristigen Kooperationen werden konkrete Experimente im urbanen Raum umgesetzt, von neuen Energielösungen bis zu partizipativen Stadtentwicklungsprozessen. Hervorgehoben wurde, wie wichtig es ist, Reallabore langfristig als Lern- und Experimentierräume anzulegen. Der entscheidende Maßstab für die Arbeit ist dabei der reale Kontext, in dem sie stattfindet. Lösungen werden nicht abstrakt entworfen, sondern gemeinsam mit den betroffenen Akteur*innen entwickelt und getestet.
Das SDG+ Lab der Universität Kassel orientiert sich an den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen und verbindet ebenfalls Ausstellung, Diskurs und Experiment. Nachhaltige Wertschöpfungsketten, alternative Baustoffe oder regionale Ernährungssysteme werden sichtbar gemacht und dialogisch verhandelt. Wissenschaft öffnet sich dabei bewusst nach außen und versteht Wissen als etwas, das zwischen wissenschaftlichen Institutionen und Gesellschaft zirkuliert.
Sustainability by Design an der Folkwang Universität der Künste setzt als Transferformat auf Workshops, mobile Labore und partizipative Publikationen. Nachhaltigkeit wird hier durch gemeinsames Handeln erfahrbar.
In der abschließenden Diskussion wurde deutlich, dass derartige Laborstrukturen sowohl Zeit als auch Offenheit und institutionelle Flexibilität erfordern. Sie wurden als Werkstätten möglicher Zukünfte verstanden; Orte, an denen Wechselwirkungen zwischen Gestaltung, Forschung und Gesellschaft reflektiert und neue Synergieeffekte erprobt werden. Unterstrichen wurde zudem, dass das gute Design von Forschungsprojekten tatsächlich eine andere Form der Wissensproduktion ermögliche, nämlich eine, die Erkenntnisgewinn und die aktive Mitgestaltung von Transformationsprozessen verbinde. Konsens bestand darin, dass tiefgreifende Transformationen Zeit, transdisziplinäre Öffnung und innovative Formen der Dokumentation und Kommunikation von Ergebnissen benötigen. Labore fungieren dabei nicht lediglich als Testumgebungen, sondern als Räume, in denen Wissen, Handeln und gesellschaftliche Vorstellungskraft miteinander verschmelzen.
Mit Kurzpräsentationen von Moritz Ahlert (Kiosk of Solidarity, Berlin), Thomas Geisler (Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden), Eva Kraus (Bundeskunsthalle), Katharina Maderthaner (BUW), Rebekah Rota (Wuppertaler Bühnen). Moderiert wurde das Panel von Martina Fineder (BUW).
Das Panel Orte der Transformation widmete sich der Frage, wie kulturelle Einrichtungen zur sozial-ökologischen Transformation beitragen können. Im Mittelpunkt stand die Rolle unterschiedlicher Orte – von mobilen Infrastrukturen über experimentelle Ausstellungsräume bis hin zu etablierten Kulturinstitutionen. Diskutiert wurde insbesondere, wer Zugang zu diesen Orten hat, wer sie mitgestalten kann und welche Gruppen an und in diesen Orten sichtbar werden oder außen vor bleiben. Die Beiträge machten die Verwobenheit räumlicher, organisatorischer und sozialer Dimensionen deutlich.
Moritz Ahlert stellte das Berliner Projekt Kiosk of Solidarity vor, ein Kiosk als Zentrum einer mobilen Infrastruktur, der seit 2023 an verschiedenen Orten im Stadtraum eingesetzt wird. Der Kiosk fungiert als Plattform für Begegnung, Wissensaustausch und Öffentlichkeitsarbeit. Besonders Initiativen marginalisierter Gruppen können dort ihre Anliegen sichtbar machen. Im öffentlichen Raum werden Kooperationen zwischen zivilgesellschaftlichen Initiativen, Studierenden und Forschenden gefördert und Solidarität als zentrale gesellschaftliche Praxis gelebt. In der anschließenden Diskussion waren sich die Panelisten einig, dass Solidarität jener Stoff des Zusammenlebens sei, der nicht von oben verordnet werden könne.
Katharina Maderthaner präsentierte die Kunsthalle Barmen in Wuppertal, einen von der Bergischen Universität bespielten experimentellen Lern- und Ausstellungsort. Am Beispiel der Ausstellung Fruchtbare Strukturen zeigte sie ein offenes Labor für kollaborative Prozesse. Pilze waren dabei sowohl zentrale Ressource als auch Metapher für vernetztes Denken und Handeln im Sinne derer Studierende ebenso wie etablierte Künstler*innen, Designer*innen und Forschende eigene Arbeiten und leicht offene Vermittlungsprogramme produzierten. In der Diskussion betonte Maderthaner, dass kollaborative Prozesse einen ersten Impuls benötigen, danach aber Raum brauchen, sich eigenständig zu entfalten.
Rebekah Rota, Opernintendantin der Wuppertaler Bühnen, beschrieb Transformationsprozesse innerhalb einer großen Kulturinstitution auf drei Ebenen: auf der Bühne, in den Produktionsstrukturen und im Verhältnis zum Publikum. Während gleichzeitig an offeneren Kommunikationsstrukturen innerhalb des Hauses gearbeitet wird und niederschwellige Zugangsmöglichkeiten zum Haus für das Publikum geschaffen werden, entstehen im Hintergrund neue modulare Bühnenbilder für eine nachhaltigere Produktionsweise. Rota unterstrich damit, dass Transformation nur glaubwürdig sei, wenn sie nicht an der Fassade ende, sondern als innerer Prozess alle Beteiligten einschließt.
Thomas Geisler stellte das Kunstgewerbemuseum Dresden als Design-Campus vor. Sommerschulen mit interdisziplinäre Workshops und internationalen Kooperationen verwandeln das historische Schloss in einen Ort für experimentelles Lernen. Globale gesellschaftliche Fragestellungen werden kollaborativ exploriert. Ergänzend dazu erprobte ein Bürgerrat neue Formen der Beteiligung und formulierte Empfehlungen zur Öffnung des Museums. Geisler stellt dabei kritisch die Frage, wie nachhaltig solche Prozesse in Anbetracht der dafür seitens der Institutionen benötigten Kompetenzen und Ressourcen wirklich sein können, um Mitgestaltung dauerhaft zu verankern.
Eva Kraus erzählte davon, dass die Bundeskunsthalle Bonn die Corona-Pandemie als Anstoß für eine tiefgreifende Neuausrichtung nutzte. Mit einer diversitätssensiblen Öffnungsstrategie entlang der „6 Ps“ – Programm, Rahmen, Personal, Publikum, PR und Premises – wird die Institution schrittweise transformiert. Gesellschaftlich relevante Themenschwerpunkte wie Demokratie, ökologische Nachhaltigkeit und soziale Dimensionen prägen das Programm. In der anschließenden Diskussion stellten die Panelist*innen kritisch die Frage, ob die viel besprochene kulturelle Offenheit bereits wirklich gelebt wird oder aktuell lediglich proklamiert werde.
Das Panel zeigte, dass kulturelle Orte wichtige Plattformen für gesellschaftliche Aushandlungsprozesse sein können. Gleichzeitig bleibt die Frage zentral, wie echte Teilhabe gelingen kann und wie Institutionen langfristig Strukturen schaffen, die vielfältige Perspektiven einbeziehen und tatsächlich mitwirken lassen. Als gemeinsamer Nenner der Debatte kristallisierte sich heraus, dass Räume für Handeln und Aktion gewünscht werden, in denen es eine breitere Verteilung der Gestaltungsmacht von Kulturorten geben soll. Hierbei geht es sowohl darum, gemeinsame Herausforderungen wie Benefits zu teilen als auch die eigenen institutionellen und personellen Biases kritisch zu beleuchten.
Mitwirkende: Jacob Sylvester Bilabel (Green Culture Anlaufstelle), Nils Hilkenbach (Kulturstiftung des Bundes), Ruth Gilberger (Montag Stiftung Kunst und Gesellschaft), Dorothea Morgenweg (Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehr des Landes NRW), Jari Ortwig (Akademie der Kulturellen Bildung), Ines Rainer (creative.nrw), Jochen Stiebel (Neue Effzienz), Lars-Christian Uhlig (Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung). Moderiert wurde das Panel von Carolin Baedeker (Wuppertal Institut (WI)) und Christa Liedtke (Co-Chair wpn2030 für SDSN Germany/WI).
Das Panel, das von transform.NRW in Kooperation mit wpn2030 veranstaltet wurde, widmete sich der Frage, wie bereichsübergreifende Förderinstrumente im Bereich Kunst, Kultur, Design und Nachhaltigkeit im Dialog weiterentwickelt werden können. Fördergeber*innen und Fördernehmer*innen werden als Teil eines gemeinsamen kulturellen Ökosystems verstanden, das wirtschaftliche und politische Verhältnisse spiegelt. Forderungen werden als Anregung aufgefasst, Förderung als modellhafter, ergebnisoffener Prozess betrachtet. So entsteht Raum für partnerschaftliche Projektentwicklung, in dem tragfähige disziplinübergreifende Förderlandschaften erdacht werden können. Die Panelist*innen machten die Frage konkret und diskutierten, wie Förderstrukturen und politische Rahmenbedingungen Transformationsprozesse durch Kunst, Kultur und Design unterstützen können. Im Zentrum der Diskussion stand das Verhältnis zwischen fördernden Institutionen und den Akteur*innen aus Kunst, Kultur und Design und damit auch die Frage, wie Anforderungen und Unterstützung produktiv zusammenwirken können. Betont wurde dabei, dass Fördern und Fordern wechselseitige Impulse seien, die nur gemeinsam kreative und innovative Veränderungen und Räume eröffnen könnten.
Ein wiederkehrendes Thema war das Spannungsfeld zwischen kreativer Praxis und administrativen Rahmenbedingungen. Förderprogramme können wichtige Impulse setzen, sind jedoch häufig an komplexe rechtliche Vorgaben gebunden. Förderinstitutionen übernehmen deshalb eine vermittelnde Rolle zwischen politischen Zielsetzungen, bürokratischen Anforderungen und den Bedürfnissen künstlerischer Projekte. Gleichzeitig wurde deutlich, dass solche Rahmenbedingungen auch positive Effekte haben können. So zeigte die Erfahrung mit Nachhaltigkeitsprogrammen im Kulturbereich, dass neue Anforderungen zunächst zwar als Herausforderung wahrgenommen werden, häufig aber interne Veränderungsprozesse anstoßen und Nachhaltigkeit langfristig stärker in institutionelle Strukturen integrieren.
Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion war die Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Bereichen. Vertreter*innen aus Wissenschaft, Politik, Stiftungen und Kulturinstitutionen betonten, dass nachhaltige Transformation nur im Zusammenspiel dieser Akteur*innen gelingen kann. Kunst, Kultur und Design kommt dabei eine besondere Rolle zu: Sie können komplexe Themen durchdringen, erfahrbar machen und neue Perspektiven eröffnen sowie gesellschaftliche Zukunftsbilder entwickeln. Zugleich wurde kritisiert, dass Kunst und Kultur in politischen Nachhaltigkeitsdebatten zu häufig nur als Begleitprogramm verstanden werden. Stattdessen sollten sie als eigenständige Stimme und als integraler Bestandteil des Programms begriffen werden.
Darüber hinaus wurde die Bedeutung von Kooperation und langfristigen Strukturen hervorgehoben. Viele transformative Projekte entstehen aus Netzwerken zwischen Institutionen, Initiativen und lokalen Communities. Förderprogramme könnten solche Kooperationen stärker unterstützen, etwa durch längerfristige Förderzeiträume oder flexiblere Förderinstrumente. Insgesamt machte die Diskussion deutlich, dass nachhaltige Veränderung im Kulturbereich nicht allein durch einzelne Projekte entsteht, sondern durch ein Zusammenspiel aus politischen Rahmenbedingungen, institutionellen Strukturen und künstlerischer Praxis. In diesem Sinne wurde auch dazu aufgerufen, dass Innovatoren und Kreative den Mut aufbringen müssen, sich Förderern und Auftraggebern zu widersetzen, wenn diese ihre Arbeit nicht ernst nehmen.
Im Vorfeld des Symposiums führten wpn2030 und transform.NRW vorbereitende virtuelle Denkwerkstätten zum Thema „Fordern und Fördern“ durch. Diese dienten der gezielten inhaltlichen Vorbereitung des Panels, der Themenfokussierung sowie der Identifikation und Einbindung relevanter Akteur*innen. Die Ergebnisse werden derzeit in einem gemeinsamen Impuls- und Thesenpapier systematisiert. Die Veröffentlichung erfolgt zeitnah über die Webseiten beider Initiativen und soll als Grundlage für weiterführende förderpolitische Diskussionen dienen.