Architectural Yarns ist eine Forschungsarbeit des interdisziplinären Exzellenzclusters Matters of Activity der Humboldt-Universität zu Berlin. Das Projekt untersucht neue Materialsysteme und deren Einbettung in traditionelle lokale Bau- und Handwerkskulturen, etwa in Zentraleuropa und Westafrika. Dabei überträgt es textile Fügetechniken wie Knoten und Verschlingungen – wie beim Stricken – auf den architektonischen Maßstab. In Kombination mit Garnen aus Naturmaterialien wie Flachs entstehen als sogenannte Soft Architecture flexible Bauelemente, beispielsweise Wände, die ohne Klebstoffe oder Zement verbunden werden. Dadurch können die Garnkonstruktionen nach der Nutzung wieder aufgetrennt und neu konfiguriert werden. Architectural Yarns entwickelt diese Techniken unter Einbezug von diversen potenziellen Anwender*innen in co-kreativen Workshops. Die Arbeit wurde unter anderem im Rahmen der Ausstellung WEtransFORM – Zur Zukunft des Bauens in der Bundeskunsthalle präsentiert.

Die Wirkungspotenziale von Architectural Yarns wurden am 26. März 2026 mit der Methode Map/ing Sustainability von einer interdisziplinären Gruppe aus Geograph*innen, Nachhaltigkeitsforscher*innen, Architekt*innen, Designer*innen und Designforscher*innen sowie Personen aus den Bereichen Holzforschung und Kommunikation analysiert. Christiane Sauer, die das Projekt leitet, stellte zwei Teilaspekte von Architectural Yarns vor: zum einen die Design Research Studios, ein Lehrformat, in dem Forschende und Studierende experimentell zusammenarbeiten, zum anderen eine interkulturelle Ausstellung mit Partner*innen aus Burkina Faso.
Das gemeinsame Bauen von Garnstrukturen in Workshops mit Menschen unterschiedlicher Altersgruppen und kultureller Hintergründe wurde als identitätsstiftend und als niederschwelliger Zugang zur Gestaltung der eigenen gebauten Umwelt beschrieben (SDG 4, 10). Die Diskutierenden identifizierten die Selbstwirksamkeit als zentralen Aspekt, die durch die einfache Handhabung der Garne in diesen Workshops, perspektivisch aber auch bei der Gestaltung des eigenen Wohnraums, entstehe (SDG 4). Diese werde dadurch erreicht, dass die Garne durch variable Durchmesser eine eingebaute Strickanleitung haben, die es auch Personen ohne Vorkenntnisse erlaube, selbständig damit zu arbeiten. Das gemeinsame Bauen von Garnstrukturen in Workshops mit Menschen unterschiedlicher Altersgruppen und kultureller Hintergründe wurde als identitätsstiftend und als niederschwelliger Zugang zur Gestaltung der eigenen gebauten Umwelt beschrieben (SDG 4, 10).
Darüber hinaus fördere das Projekt den interkulturellen Austausch auf Augenhöhe: Durch die Kooperation mit Partner*innen in Burkina Faso fand ein Wissensaustausch statt, bei dem sich die Forschenden von traditionellen Webtechniken und der Kokon-Bauweise der Wildseide inspirieren ließen und das von ihnen neu generierte Wissen wieder zurückgaben. Betont wurde die hierbei notwendige Demut, da viele vermeintliche Innovationen aus der Sicht des globalen Nordens traditionelles Wissen anderer Kulturen seien (SDG 17).
Das Bauen mit schadstofffreien Flachsfasern könne in Großraumbüros das Raumklima verbessern, Lärm mindern und so auf verschiedene Weise zu einer besseren Gesundheit beitragen (SDG 3). Im städtischen Maßstab verdeutlichte ein im Projekt durchgeführtes Experiment das Potenzial von Architectural Yarns für ein gesundes Stadtklima: Durch mit Erde und Samen gefüllte Garne könne eine kühlende Fassadenbegrünung ermöglicht werden, wodurch urbane Räume abgekühlt werden könnten (SDG 3, siehe auch Versorgungssysteme SDG 11 und natürliche Ressourcen SDG 13).
Architectural Yarns könne einen Beitrag zur Kreislaufwirtschaft leisten, indem es Nutzungsmöglichkeiten für Flachs- und Hechelwerg aufzeigt und dieses Nebenprodukt der Leinenherstellung, das zudem in Deutschland heimisch ist, im Stoffkreislauf hält (SDG 12). Nach dem Prinzip einer „großen Strickliesel“ könnten auch Garne aus beliebigen anderen recycelten Materialien Verwendung finden. Das reduziere die Abhängigkeit von globalen Lieferketten in Bauprozessen und biete somit auch einen wirtschaftlichen Vorteil (SDG 8, 9).
Das Konzept der Soft Architecture habe darüber hinaus das Potenzial, gängige Architektur grundlegend infrage zu stellen, indem sie eine Alternative zur üblichen, „harten“ Bauweise biete und Bauen im Bestand begünstige. Beispielsweise könnten Empty-Nest-Wohnungen – also Familienwohnungen, aus dem die erwachsenen Kinder ausgezogen sind – von ihren Bewohner*innen eigenständig neu zoniert und auf suffiziente Weise umgenutzt werden (SDG 11).
Die enge interdisziplinäre Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für Biomaterialien ermögliche dabei Erkenntnisse über Fasereigenschaften und Werkstoffe, die über ein rein architektonisches Verständnis hinausgehen und es um Überlegungen zu Brandfestigkeit, Innenarchitektur und Möbeldesign ergänzen (SDG 17).


Da regional angebaute und schnell wachsende Faserpflanzen wie Flachs und Hanf CO2 binden und Böden verbessern können, könne ihre Nutzung im sehr ressourcenintensiven Bauwesen einen positiven Beitrag zum Klimaschutz und zum Leben an Land leisten (SDG 13, 15).
Werden die Garne zusätzlich mit Samen versehen, könne daraus eine lebendige Architektur entstehen: Das Wurzelwerk der wachsenden Pflanzen würde die einzelnen Textilschichten fest miteinander verweben und dadurch noch stabiler machen. Diese Form des „biologischen Bauens“ könne herkömmliche, emissionsintensive Baustoffe ersetzen und gleichzeitig zur Klimaanpassung in Städten beitragen (SDG 13, siehe auch Versorgungssysteme SDG 11). In der Diskussion wurde angeführt, dass eine Reduktion von Treibhausgasen auch auf die Weltmeere und ihre Ökosysteme indirekt einen positiven Effekt haben (SDG 14).
