Folklore, die es nicht gab ist ein Projekt des Transnationalen Ensemble Labsa, das lokale Kolonialgeschichte thematisiert. Speziell hat sich das Ensemble künstlerisch und forschend mit Stoffen aus der Sammlung der LWL-Museen auseinandergesetzt, die im 19. und 20. Jahrhundert im Ruhrgebiet und Westfalen mit scheinbar “typisch afrikanischen” Mustern für den Export in afrikanische Länder produziert wurden. Labsa bietet im Tomorrow Kiosk in Dortmund einen Ort, an dem Menschen ungeachtet ihrer Herkunft, ihres Geschlechts und ihres Alters regelmäßig zusammenkommen, um gemeinsam künstlerisch-gestalterisch tätig zu werden. Die Wahl der Form ist dabei offen, ein Fokus liegt jedoch auf Theater, Tanz und Performance in Verbindung mit Nähen und anderen textilen Techniken.
Die Wirkungspotenziale von Folklore, die es nicht gab wurden am 26. März 2026 mit der Methode Map/ing Sustainability von einer interdisziplinären Gruppe aus Designer*innen, Kultur-, Theater- und Erziehungswissenschaftler*innen, Biolog*innen, Soziolog*innen, Schauspieler*innen, Dramaturg*innen, Philosoph*innen, Ingenieur*innen und Wirtschaftspsycholog*innen analysiert. Zwei Vertreterinnen des Ensembles stellten das Ensemble vor und zeigten dabei das Musikvideo “Gib mir den Stoff”, das im Rahmen des Projekt Folklore, die es nicht gab entstanden ist. Die Diskussion nahm die Arbeit des Ensembles im Allgemeinen in den Blick.
In der Diskussion wurde schnell deutlich, dass sich Arbeitsweise, Medium und Inhalte von Labsa eng aufeinander beziehen: Indem alle “vom Kloputzen bis zum Konzeptschreiben” an allen Aufgaben beteiligt sind, treten die unterschiedlichen Herkünfte, Geschlechter, Alter und Disziplinen der Mitglieder in den Hintergrund. Sie werden “egal” (SDG 5, 10). Mithilfe von Textilien und Masken machen sie sich zurecht und drücken ihre Persönlichkeit aus. Im gemeinsamen Arbeiten auf Augenhöhe können sich Prozesse kollektiver Aushandlung und gegenseitiger Anerkennung entfalten, in denen Freude und Empowerment Hand in Hand gehen. Vor diesem Hintergrund wurde von den Diskutierenden im GPB die Einschätzung geäußert, dass das Projekt – im Sinne des Gedankens „Machen ist wirksamer als Reden“ – zu sozialer Nachhaltigkeit beitragen könne, weil es die Utopie einer friedlichen und inklusiven Gemeinschaft praktisch erprobt und erfahrbar werden lässt (SDG 16).



Die Praxis des Ensembles, alles selbst zu machen, um einer Trennung und Bewertung zwischen Professionen und Leistungen entgegenzuwirken, wird von den Diskutierenden als kritische Praxis reflektiert. Darüber können vorherrschende Arbeits- und Wirtschaftsformen infrage gestellt und Alternativen entwickelt werden. Der Verzicht auf extern zugekaufte Leistungen wird als positiver Einfluss auf die Ergebnisse diskutiert und führe, so eine Teilnehmerin, zu einer “Lebendigkeit, die nicht kaufbar ist” (SDG 8). Folglich könnte ein derart gestaltete Arbeitspraxis auch in anderen Kontexten Entfremdungserfahrungen von Herstellungsprozessen sowie von den Produkten selbst entgegenwirken, weil es intensive Resonanzerfahrungen birgt.
Das Thema Herkunft wird im Ensemble nicht nur in Bezug auf Menschen verhandelt, sondern auch auf Dinge: So beschäftigt sich Labsa auch damit, woher Stoffe, Masken oder Kostüme stammen und präferiert Dinge, die sie in ihrer Arbeit schon lange begleiten und dadurch eine persönliche Geschichte haben, um sie in verschiedenen Inszenierungen immer wieder neu zu erzählen und so immer wieder neu mit Bedeutung aufzuladen. Beispielsweise könne eine Maske so zu einer “Lebensbegleiterin” und zu einem “Archiv des Wissens” werden. Die Langfristigkeit, mit der im Ensemble mit Objekten umgegangen wird, schaffe Abstand zum “Projektbezogenen, Schnellen” der kapitalistischen Weltordnung. Das rege – auch bezogen auf die oben genannten Resonanzerfahrungen – zum kritischen Nachdenken über Produktionsketten und das eigene Konsumverhalten an (SDG 12).
Die Arbeit von Labsa trägt zum Abbau von “künstlichen Grenzen” auf verschiedenen Ebenen bei: Von der Transnationalität des Ensembles über die bewusste ebenerdige Inszenierung von Aufführungen, die ohne Bühnenrampe stattfinden, und so Barrieren zum Publikum und im weiteren Sinne auch zur Stadtgesellschaft abbauen (SDG 11). In öffentlichkeitswirksamen Aktionen erreicht das Ensemble neue Gruppen und schafft darüber hinaus einen “stolzen Moment” für seine Mitglieder, von denen viele an öffentlichen Orten sonst oft Diskriminierung erfahren oder beschimpft werden (SDG 11). So fungiere bei einem Auftritt mit einer Stretchlimousine am belebten Dortmunder Nordmarkt das Auto gleichzeitig als Statussymbol und als Bühne. Im Laufe der langjährigen Geschichte des Projekts ist eine resiliente Community gewachsen, die einen wichtigen Teil des lokalen sozialen Umfelds für viele ihrer Mitglieder bedeutet. Labsa führe nicht nur zu einer “lustvollen Verständigung” und zu Freundschaften zwischen seinen Mitgliedern, sondern schaffe es auch, dass diese über einzelne Projekte hinaus Bestand haben (SDG 17).
Die Diskussionsgruppe verstand das unvoreingenommene Miteinander über Unterschiede hinweg – insbesondere das facettenreiche „Spiel mit Wesen“ in Form von Tiermasken und -kostümen – ebenso wie die Achtung der unterschiedlichen Geschichten und Herkünfte von Menschen und Dingen als Ausdruck einer „Queerness in allen Bereichen“. Damit biete Labsa eine Welt an, die von einem tiefen Bewusstsein für die Bedeutung globaler Gemeinschaften über Speziesgrenzen bestimmt wird. Zum Nachhaltigkeitsdiskurs kann hierüber eine Brücke zu Planetary-Health-Ansätzen geschlagen werden, weil sowohl für Akteur*innen wie auch für Betrachter*innen die Abhängigkeit von intakten Ökosystemen und dem Überleben anderer Spezies erfahrbar gemacht wird (SDG 14, 15). Bezogen auf die nachhaltige Integration von Dingen ins Ensemble, kann davon ausgegangen werden, dass Praktiken eingeübt und verbreitet werden, die Ressourcen wertschätzend sind und dadurch neue Inanspruchnahme vermeiden können.
