Fragile ist ein internationales Tanz- und Performancefestival, das 2023 und 2024 im Pina Bausch Zentrum in Wuppertal stattfand. Im Mittelpunkt des Festivals steht die Verbindung von Kunst und Nachhaltigkeit: Das Festival versteht die Bühne als Experimentierfeld, auf dem neue Formen solidarischen Handelns, internationale Zusammenarbeit und ökologische Verantwortung erprobt werden. Neben den künstlerischen Beiträgen legt das Festival Wert auf eine klimaneutrale Organisation und bietet ein Begleitprogramm mit Workshops zu Themen wie der lebendigen Aushandlung von Zukunftsbildern oder dem Umgang mit Leerstand im Stadtbild an.
Fragile wurde am 29. Oktober 2024 mit der Methode Map/ing Sustainability von einer interdisziplinären Gruppe aus Geograph*innen, Regisseur*innen, Dramaturg*innen, Designer*innen, Kurator*innen, Nachhaltigkeitsmanager*innen sowie Umwelt- und Energieexpert*innen analysiert. Ebenfalls nahm die Kuratorin des Festivals an der Diskussion teil. Mehrere Teilnehmer*innen hatten zuvor mindestens eine der Aufführungen besucht, Der Fokus lag auf der zweiten Ausgabe von Fragile im Jahr 2024.
Der Beitrag zum Guten Leben zeigt sich im hohen Frauenanteil unter den Tänzer*innen und im Organisationsteam des Festivals sowie im Einbezug weiblicher sowie internationaler, häufig an indigene Wissensbestände anknüpfender Perspektiven. Diese werden in den Tanzperformances verhandelt und damit einem breiten Publikum zugänglich gemacht (SDG 4).
Care-Themen, die gesellschaftlich überwiegend Frauen zugeschrieben werden, gelten aufgrund ihrer Komplexität und unter kapitalistischen Gesichtspunkten geringen ökonomischen Verwertbarkeit häufig als politisch randständig. Die Stärkung von Frauen in sichtbaren und entscheidenden Positionen wurde als zentraler Ansatz diskutiert, um diese Themen stärker in gesellschaftliche Aushandlungsprozesse einzubringen (SDG 5).
Der Einbezug internationaler und indigener Perspektiven, etwa im Stück AMAZONIA 2040, fördert gegenseitiges Verständnis und globale Empathie und wurde als wichtiger Beitrag zu sozialem Zusammenhalt und Frieden bewertet, auch im Spannungsfeld zu ökologischen Abwägungen – wie zum Beispiel nur lokale Künstler*innen einzuladen, um Emissionen bei der Anreise zu vermeiden (SDG 10, 16).
Schließlich wurde der Auseinandersetzung mit weiblichen und indigenen Wissensbeständen die Wirkung zugeschrieben, gemäß dem Leitgedanken “Gesunde Erde, gesunde Menschen” auch Gesundheit und Zufriedenheit zu steigern (SDG 3).


Traditionell weiblich gelesene Handlungsweisen und indigene Wissensbestände hat die Gruppe als Fundus für Gegenentwürfe zu den vorherrschenden, patriarchalen Logiken der Ökonomie diskutiert. Das Festival trage so zu einer Auseinandersetzung mit kulturell unterschiedlichen Formen des Zusammenlebens und Wirtschaftens bei, die Denkanstöße für konkrete Alternativen liefern könnte (SDG 8).
Der zentrale Veranstaltungsort des Festivals mitten in der Stadt wurde als wichtiger Impuls für die Stadtgemeinschaft gesehen: Damit würde nicht nur wörtlich ein Raum geöffnet, der auch Menschen einlädt, die sonst selten kulturelle Veranstaltungen besuchen (SDG 11). Insbesondere wurde auch der Kontrast zwischen Effekten im lokalen Kontext der Stadt und dem Einbezug von internationalen Künstler*innen diskutiert: Gerade für die Kultur sei es nicht zielführend, sich allein auf das Lokale zu beziehen – hier wurde erneut die globale Empathie genannt. Gleichzeitig setze das Festival mitten in der Stadt ein Zeichen für die Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln und für eine lebendige und starke Stadtgesellschaft.
Als weitere Stärke des Festivals wurde der darin sehr präsente Netzwerkgedanke hervorgehoben: Dieser verknüpfe zum einen die soziale und die ökologische Ebene von Nachhaltigkeit. Zum anderen wurden durch Organisation und Programm des Festivals Räume geschaffen, die aus unkonventionellen Allianzen – etwa zwischen dem Pina Bausch Zentrum, dem Wuppertal Institut und der neuen Effizienz – hervorgegangen sind und so gleichzeitig Begegnungen zwischen Disziplinen ermöglichen. Diese ungewöhnlichen Allianzen förderten die Kompetenz, mit Komplexität umzugehen (SDG 17). Einschränkend wurde erwähnt, dass es auch Akteur*innen gibt, die leider noch nicht eingebunden werden konnten, wie etwa das Handwerk.
Im Wechselspiel zwischen Tänzer*innen und der Verkörperung natürlicher Systeme wie Wälder, Böden und Flüsse machen die Tanzperformances den Umgang mit natürlichen Ressourcen erfahrbar und verdeutlichen für das Publikum die eigene Verortung als Teil der Natur im Sinne eines One-World-Gedankens der Verbundenheit von Mensch und Umwelt. Dies wird durch die intensive und immersive Ästhetik der Vorstellungen sowie durch partizipative Elemente weiter verstärkt. Für die lokale Bevölkerung wird dadurch erfahrbar, dass das eigene Handeln direkt und indirekt mit Fragen des Ressourcenverbrauchs verwoben ist und dass innerhalb dieses Handelns Gestaltungsspielräume bestehen (SDG 14, 15).


