Das Geschmacksarchiv vom Künstler Arpad Dobriban untersucht Kochen als kulturelle und gesellschaftliche Praxis, durch die Wissen und Erfahrungen vermittelt sowie soziale Beziehungen gestärkt werden können. Im Mittelpunkt steht dabei weniger das fertige Gericht, sondern der Prozess des Kochens selbst – als Form sinnlich-ästhetischer Erfahrung, gemeinschaftlichen Handelns und individueller Selbstwirksamkeit. Im Rahmen von Fruchtbare Strukturen – Laborausstellung für vernetztes Denken und Handeln bot Arpad Dobriban verschiedene Workshops an, beispielsweise zum Fermentieren. Diese fanden direkt in den Ausstellungsräumen statt zwischen zum Trocknen aufgehängten, lokal gezüchteten Pilzen und Arbeiten des Künstlers, die sich mit industriell hergestelltem Backwerk auseinandersetzen.
Die Wirkungspotenziale des Geschmacksarchivs wurden am 5. März 2026 von einer interdisziplinären Gruppe aus Geograph*innen, Designer*innen, Biolog*innen, Kurator*innen, Transformationsmanager*innen sowie Teilnehmenden aus den Bereichen Kultur und Theater analysiert. Der Künstler Arpad Dobriban stellte das Projekt persönlich vor und nahm an der Diskussion teil.
Im Rahmen der Diskussion wurde das Geschmacksarchiv vor allem im Kontext von Bildung und der Vermittlung praktischer sowie sensorischer Fähigkeiten verortet (SDG 4). Dabei wurde betont, dass der Fokus nicht auf dem Essen als Ergebnis liegt, sondern auf dem Erfahrungs- und Lernprozess beim Kochen. Das Verarbeiten von Lebensmitteln – insbesondere auch das Haltbarmachen und Konservieren – wurde als Praxis verstanden, durch die Ernährungswissen sowie Wissen über Zutaten und ihre Verarbeitung nicht nur vermittelt, sondern unmittelbar körperlich und sinnlich erfahrbar werde. Mehrere Teilnehmende hoben hervor, dass diese Form des Lernens auch in anderen Kontexten – etwa in schulischen Settings – wirksam werden könnte. Ein wesentlicher Aspekt dabei sei die Erfahrung von Selbstwirksamkeit: Viele Menschen, so meinten die Diskussionsteilnehmer*innen, verlieren im Alltag zunehmend die Fähigkeit, mit frischen Zutaten zu kochen; stattdessen werde die Nahrungszubereitung ausgelagert oder durch Fertigprodukte ersetzt. Dieses „Outsourcen des Kochens“ wurde als potentieller Verlust der Gestaltung der eigenen Ernährung beschrieben. Das Projekt setze hier an, indem es die Fähigkeit zur Nahrungszubereitung stärke und dadurch Handlungsspielräume eröffne.
Über Fragen zum gerechten Zugang zu Nahrung wurde von den Diskutierenden „Hunger“ als soziales, kulturelles und strukturelles Problem besprochen (SDG 2). Zudem könnten Fragen von Mangel- und Fehlernährung sowie globale Ungleichheiten im Ernährungssystem verhandelt werden. Darüber hinaus wurde diskutiert, ob das Wiedererlangen von Kompetenzen im Kochen und Konservieren von Lebensmitteln positive Auswirkungen auf Gesundheit und Wohlbefinden haben könnte (SDG 3), da durch den Aufbau einer bewussteren Beziehung zur eigenen Ernährung langfristige Veränderungen im Alltag angestoßen werden.



Im Hinblick auf Versorgungssysteme wurde in der Diskussion deutlich, dass das Geschmacksarchiv die Fragen thematisiert, wie Lebensmittel produziert, gehandelt und verteilt werden, sowie welche infrastrukturellen Bedingungen damit verbunden sind (SDG 9). Insbesondere ökologische Auswirkungen globaler Ernährungssysteme wurden thematisiert, etwa im Zusammenhang mit langen Transportwegen und den daraus resultierenden CO2-Emissionen. Dem wurden alternative Formen der Versorgung gegenübergestellt, die stärker auf regionale, saisonale und gemeinschaftliche Strukturen setzen. Kochen wurde in diesem Zusammenhang als kulturelle Praxis diskutiert, die über die reine Nahrungszubereitung hinaus auch Fragen der Organisation von Versorgung und Verteilung beinhalte. Im Kontext nachhaltiger Konsum- und Produktionsmuster (SDG 12) wurden insbesondere traditionelle Konservierungspraktiken wie Fermentation hinsichtlich ihres Potenzials für ressourcenschonende Ernährungssysteme diskutiert (SDG 12).
Formate des gemeinsamen Kochens schließlich wurden als gemeinschaftliche Strukturen besprochen, in denen unterschiedliche soziale und kulturelle Perspektiven in den Austausch kommen und Ernährung als geteilte Praxis erfahrbar werde (SDG 17).
Im Zusammenhang mit natürlichen Ressourcen wurde insbesondere die Rolle von Lebensmitteln in ökologischen und materiellen Kreisläufen sowie ihr Einfluss auf die Biodiversität diskutiert (SDG 14, 15). Dabei wurde deutlich, dass durch das Geschmacksarchiv ein Bewusstsein für die Herkunft, Verfügbarkeit und Verarbeitung von Lebensmitteln entstehen kann. Die Auseinandersetzung mit dem Kochen wurde dabei als Zugang beschrieben, um Zusammenhänge zwischen Ernährung, Ressourcenverbrauch und ökologischen Auswirkungen nachvollziehbar und verständlicher zu machen und die Beziehung zwischen Menschen und natürlichen Lebensgrundlagen im erweiterten Sinn hervorgehoben (SDG 13, 15).
